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Sonntag, 19. November 2017

Flucht und Vertreibung, „Gwardejskoje“

Im Ersten Weltkrieg, im Jahr 1914, war russische Kavallerie für einige Tage in das Dorf gekommen. Schäden waren nicht entstanden. Im Zweiten Weltkrieg erlitt Mühlhausen das gleiche Schicksal wie ganz Ostpreußen und das übrige Ostdeutschland. Beim Herannahen der Front brach ein Teil der Bevölkerung, meist viel zu spät, zur Flucht auf. Die in den Westen gelangten, zählten zu den Glücklicheren. Das Dorf wurde am 29.1.1945 von Truppen der Zweiten Garde-Armee der Roten Armee besetzt. Die verbliebenen und die zurückgekehrten Einwohner wurden praktisch rechtlos. Unter ihnen wüteten das vielfache Elend und der Tod: Übergriffe, Verschleppungen, Hunger, Seuchen.

Das Dorf wurde zum Zentrum einer Sowchose bestimmt. So blieb es in seiner äußeren Form erhalten, im Gegensatz zu vielen anderen, die verfielen. Zur Arbeit in der Sowchose  wurden auch Menschen aus dem weiteren Ostpreußen verbracht; entwurzelt waren damals alle. So lernten auch Nichtmühlhausener das Dorf und die Kirche, die zum Sowchos-Speicher wurde, kennen. Einige haben uns aus dieser schweren Zeit Berichte hinterlassen. Siehe z. B. den Bericht von Erich Pusch http://62.225.52.250/erich. Die Menschen erhielten sehr wenig zu essen. Viele verhungerten, sie ruhen in einem Massengrab auf dem Dorffriedhof. In den Jahren 1947/48 wurden die letzten Deutschen in die sowjetisch besetzte Zone abtransportiert. Die Rückkehr blieb Ihnen wie den zuvor Geflohenen seither verwehrt.

Die Direktion der Sowchose hatte ihren Sitz im Pfarrhaus, dahinter entstanden umfangreiche Wirtschaftsgebäude. In das Dorf rückten allmählich neue Siedler nach. Sie kamen aus der gesamten Sowjetunion, unter ihnen waren auch einige Russlanddeutsche. Siehe "Die neue Kirchengemeinde". Ein Teil der Neusiedler baute sich die typischen kleinen Häuser der Sowchos-Arbeiter.

Die Sowjetverwaltung gab dem Ort den russischen Namen „Gwardejskoje“. Er war lange Zeit auch Sitz einer kleinen Amtsverwaltung, bis die Struktur der Kommunalverfassung im Jahr 2008 dahin geändert wurde, dass man unterhalb der bisher niedrigsten Verwaltungsebene, des Rayon (hier Pr. Eylau / Bagrationowsk), Gemeinden einrichtete. Mühlhausen / Gwardejskoje ist Sitz einer der vier ländlichen neuen Gemeinden im Rayon.

Gegen Mitte der 90er Jahre wurden die Kolchosen und Sowchosen aufgelöst, so auch in Mühlhausen. Damit setzte eine neue Welle des Verfalls an der bislang noch mühsam erhaltenen alten Bausubstanz ein. Die neue Bevölkerung hat nach Auflösung der Sowchose kaum noch Arbeit. Einige finden in Pr. Eylau Beschäftigung, Königsberg bietet mehr Möglichkeiten, junge Leute ziehen dorthin. Verdienstmöglichkeiten im Zusammenhang mit dem kleinen Grenzverkehr zur polnischen Seite gibt es seit den strengen Grenzkontrollen im Rahmen der Schengen-Regelung kaum noch. Unmittelbar südlich von Pr. Eylau verläuft die Außengrenze der Europäischen Union.

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